Tolkien über die Kirche

John R.R. Tolkien in einem Brief an seinen Sohn Michael aus dem Jahre 1967/68:

Die "Trends" in der Kirche sind... schwer, besonders für Menschen, die gewohnt waren, in Zeiten irdischer Wirren in ihr Trost und "Frieden" zu finden und nicht bloß eine andere Arena voll Streit und Wandel. (...) Nun stehen wir nackt vor dem Willen Gottes, soweit es uns und unsere Stellung in der Zeit angeht (...) Ich weiß ganz gut, dass die Kirche, die einst eine Zuflucht zu sein schien, Dir ebenso wie mir nun wie eine Falle vorkommt. Nirgendwo sonst können wir hin! (Ich frage mich, ob nicht diese Verzweiflung, dieser letzte Zustand treuen Festhaltens, noch öfter sogar als in den Evangelien berichtet wird, von den Jüngern Unseres Herrn zu Seinen Lebzeiten auf Erden empfunden worden sein mag?) Ich denke, man kann nichts tun als beten, für die Kirche, den Stellvertreter Christi und für uns selbst, und unterdessen die Tugend der Treue üben, die ja erst dann eine Tugend wird, wenn man gedrängt ist, sie zu brechen. (...) Das "protestantische" rückwärtsgewandte Streben nach "Schlichtheit" und Unmittelbarkeit - was natürlich manches Gute hat, oder zumindest verständliche Motive - ist irrig und ganz vergeblich. Denn das "Urchristentum" ist heute weitgehend unbekannt und wird es auch bleiben, trotz aller "Forschung"; weil "Ursprünglichkeit" keine Garantie seines Wertes ist und es zum großen Teil ein Ausdruck von Unwissenheit war. Schwere Missbräuche gab es im "liturgischen" Verhalten der Christen von Anfang an bis heute. (Die Vorhaltungen des hl. Paulus wegen des Abendmahlverhaltens reichen wohl aus, um dies zu bezeugen!) Mehr noch, weil Unser Herr nicht wollte, dass "meine Kirche" statisch oder in ewiger Kindheit bleiben sollte, sondern ein lebendiger Organismus werden (verglichen mit einer Pflanze), der sich entwickelt und im Äußeren wandelt durch das Zusammenwirken des ihm vererbten göttlichen Lebens und seiner Geschichte - den besonderen Umständen der Welt, in die er eingepflanzt ist. Es gibt keine Ähnlichkeit zwischen dem "Senfkorn" und dem ausgewachsenen Baum. Für diejenigen, die in der Zeit, wo er wächst und sich verzweigt, leben, ist der Baum das Wichtigste, denn die Geschichte von etwas Lebendigem ist Teil seines Lebens, und die Geschichte von etwas Göttlichem ist heilig. Die Weisen mögen wissen, dass er aus einem Samenkorn erwachsen ist, aber es ausgraben zu wollen, ist vergebens, denn es existiert nicht mehr, und die Kräfte und Vorzüge, die es besaß, wohnen nun dem Baum inne.

Aus: J.R.R. Tolkien, Briefe, Stuttgart 1991, Seite 512 f.

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