Tolkiens "Eukatastrophen"

Aus einem Brief Tolkiens an seinen Sohn Christopher:

Am Sonntag sind Prisca [die Tochter Tolkiens] und ich bei Wind und Regen nach St. Gregory geradelt. P. hatte mit einer Erkältung und anderen Beschwerden zu tun, und zunächst mal hat es ihr nicht eben geholfen, obwohl ihr's inzwischen wieder besser geht; aber wir hörten eine der besten (und längsten) Predigten von Pater C. Ein herrlicher Kommentar zum Sonntagsevangelium (Heilung einer kranken Frau und der Tochter des Jairus), eindringlich verlebendigt durch einen Vergleich der drei Evangelisten. (P. amüsierte sich vor allem über seine Bemerkung, dass der hl. Lukas, weil er selbst Arzt war, etwas gegen die Andeutung hatte, dass es der armen Frau nach der Behandlung durch die Ärzte nur um so schlechter ging, und darum habe er dies heruntergespielt). Und durch seine anschaulichen Beispiele neuerer Wunder. Ein ganz ähnlicher Fall: eine Frau mit ähnlichem Leiden (verursacht durch ein großes Gebärmutter-Geschwür), die in Lourdes augenblicklich geheilt wurde, so dass von dem Geschwür nichts mehr zu sehen war und der Gürtel ihr viel zu weit war. Am rührendsten die Geschichte von dem kleinen Jungen mit tuberkulöser Peritonitis, der nicht geheilt worden war und von seinen traurigen Eltern im Zug fortgebracht wurde, mit 2 Krankenschwestern, die ihn pflegten, und schon so gut wie im Sterben. Als der Zug abfuhr, kam die Grotte in Sicht. Der kleine Junge setzt sich auf: "Ich möchte zu dem kleinen Mädchen gehen und mit ihm reden." - im gleichen Zug war ein kleines Mädchen, das geheilt worden war. Und er stand auf, ging hin und spielte mit der Kleinen; und dann kam er zurück und sagte, "jetzt hab ich Hunger". Und dann gab man ihm Kuchen und zwei Tassen Schokolade und riesige Sachwiches mit corned beef, und er aß alles auf! (Das war 1927). So hat auch unser Herr gesagt, dass man der kleinen Tochter des Jairus etwas zu essen geben solle. Ganz schlicht und sachlich, denn so geht es bei einem Wunder zu. Wunder sind Störungen (wie wir fälschlich sagen) des wirklichen oder normalen Lebens, aber sie dringen tatsächlich darin ein und erfordern daher gewöhnliche Mahlzeiten und andere Ergebnisse. (Natürlich konnte Pater C. es nicht lassen, noch eine andere Geschichte anzufügen: Es gab auch einen Kapuzinermönch, der war sterbenskrank & hatte seit Jahren nichts mehr gegessen, und er wurde geheilt und war so froh darüber, dass er gleich losrannte und zwei Mahlzeiten verzehrte, und an dem Abend hatte er nicht mehr seine alten Schmerzen, sondern eine ganz gewöhnliche Magenverstimmung.) Aber bei der Geschichte von dem kleinen Jungen (die natürlich eine vollständig bezeugte Tatsache ist) mit ihrem scheinbar traurigen Ende und dann plötzlich dem unverhofft glücklichen Ausgang war ich tief gerührt und spürte diese eigenartige Bewegung, die wir alle manchmal spüren - wenn auch nicht oft. Sie ist ganz anders als jede andere Empfindung. Und ganz plötzlich begriff ich, was es war: ebendas, worüber ich geschrieben habe und das ich zu erklären versuchte - in dem Märchen-Aufsatz, von dem ich so gern möchte, Du hättest ihn gelesen, dass ich ihn dir wohl schicken werde. Dafür habe ich das Wort "Eukatastrophe" geprägt: die plötzliche glückliche Wendung in einer Geschichte, bei der einen Freude durchdringt, dass die Tränen kommen (wie ich behauptet habe, das Höchste, was ein Märchen leisten kann). Und dort kam ich zu der Ansicht, dass sie ihre eigentümliche Wirkung deshalb erzielt, weil wir darin einen Blick auf die Wahrheit erhaschen und unsere ganze Natur, die an der Kette von Ursache und Wirkung liegt, der Todeskette, eine jähe Erleichterung spürt, so wie wenn ein verrenktes Glied plötzlich wieder eingerenkt worden wäre. Wir erkennen - wenn die Geschichte eine literarische "Wahrheit" auf der sekundären Ebene hat (siehe dazu den Aufsatz) -, dass es in der großen Welt, für die unsere Natur geschaffen ist, tatsächlich so zugeht. Und abschließend sagte ich, die Auferstehung sei die größtmögliche "Eukatastrophe" in dem größten aller Märchen S und sie wecke eben dieses Gefühl: die christliche Freude, die Tränen hervorruft, weil sie qualitativ wie das Leid ist, weil sie von jenen Orten herkommt, wo Freude und Leid eins sind, versöhnt, so wie Selbstsucht und Altruismus sich in der Liebe verlieren. Natürlich meine ich nicht, dass die Evangelien etwas, das nur ein Märchen wäre, erzählen; aber dass sie ein Märchen erzählen, und zwar das größte, dies meine ich sehr wohl. Der Mensch als Geschichtenerzähler musste auf eine Weise erlöst werden, die sich mit seiner Natur im Einklang befindet: durch eine bewegende Geschichte. Aber weil ihr Autor der allerhöchste Künstler und der Urheber der Wirklichkeit ist, wurde diese Geschichte auch zum Sein erschaffen, zum Wahrsein auf der primären Ebene. Darum haben wir in diesem primären Wunder (der Auferstehung) und ebenso, obgleich weniger, in den kleineren christlichen Wundern nicht nur dieses kurze Aufblitzen der Wahrheit hinter der scheinbaren Ananke (Naturnotwendigkeit) unserer Welt, sondern ein Aufblitzen, das tatsächlich ein Lichtstrahl ist, der durch die Ritzen dieser Welt um uns hindurchfällt..."

Aus: J.R.R. Tolkien, Briefe, Stuttgart 1991, Seite 134-136.


Der Aufsatz über Märchen, den Tolkien in seinem Brief erwähnt, ist veröffentlicht in:
Tolkien, Gute Drachen sind rar. Drei Aufsätze, Stuttgart 1983

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